veröffentlicht:
March 21, 2024
Last updated:
July 29, 2026

Deutschlands Duck Curve - Erneuerbare Energien in Smart Grids integrieren

Im Juni 2026 stammte erstmals ein Viertel des in der Europäischen Union erzeugten Stroms aus Solarenergie. Bereits zum dritten Mal in Folge war Solar damit die größte Stromquelle Europas – noch vor Kernenergie (21 %), Gas (15 %), Windkraft (14 %), Wasserkraft (12 %) und Kohle (8 %). Insgesamt wurden im Juni 52 Terawattstunden (TWh) Solarstrom erzeugt – mehr als doppelt so viel wie im Juni 2021 (21 TWh).

Auch in Deutschland setzt sich dieser Trend fort: Im Juni 2026 stammten bereits 36 % des erzeugten Stroms aus Solarenergie. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden 7,4 GW neue Photovoltaikleistung installiert – ein Plus von 9 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese Entwicklung ist ein wichtiger Schritt für die Energiewende. Gleichzeitig verändert sie jedoch die Anforderungen an unser Energiesystem grundlegend.

Deutschlands verändertes Lastprofil

Der starke Ausbau der Solarenergie verändert das Lastprofil in Deutschland spürbar. Im Vergleich zu vor zehn Jahren schwanken Stromangebot und Stromnachfrage im Tagesverlauf deutlich stärker. Ursache dafür sind einerseits der wachsende Anteil erneuerbarer Energien, andererseits die zunehmende Elektrifizierung durch Technologien wie Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen.

Dadurch wird auch die Residuallast – also der Strombedarf, der nach Abzug der Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie verbleibt – zunehmend volatiler. Erneuerbare Energien decken inzwischen oft den gesamten Strombedarf oder erzeugen sogar mehr Strom, als aktuell benötigt wird. Die Residuallast wird dadurch immer häufiger negativ.

Diese stärkeren Schwankungen lassen sich nur mit ausreichend Flexibilität ausgleichen. Batteriespeicher, intelligente Steuerung von Verbrauchern und weitere Flexibilitätslösungen werden deshalb zu zentralen Bausteinen eines stabilen und erneuerbaren Stromsystems.

Quelle: Energy-charts.info
Quelle: Energy-charts.info

Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick

  • Negative Residuallast wird zur neuen Normalität: Immer häufiger übersteigt die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien die aktuelle Nachfrage. Das zeigt, wie wichtig Speicher und flexible Verbraucher werden, damit überschüssiger Strom sinnvoll genutzt werden kann.
  • Mehr Schnittpunkte bedeuten ein dynamischeres Stromsystem: Erzeugung und Verbrauch müssen heute deutlich schneller aufeinander abgestimmt werden als noch vor wenigen Jahren. Echtzeitoptimierung gewinnt zunehmend an Bedeutung.
  • Ohne intelligente Integration steigen Abregelungen und Netzengpässe: Überschüssige erneuerbare Energie muss gespeichert, flexibel genutzt oder exportiert werden, anstatt ungenutzt verloren zu gehen.
  • Flexibilität wird zu einer zentralen Ressource im Energiesystem: Stromverbrauch gezielt in Zeiten hoher erneuerbarer Stromerzeugung zu verschieben und Last in Zeiten knapper Erzeugung zu reduzieren, ist entscheidend für ein stabiles und effizientes Energiesystem.

Wie erneuerbare Energien und Residuallast zusammenhängen

Ein Blick auf Gesamtlast, Anteil erneuerbarer Energien und Residuallast im Juni 2026 verdeutlicht diese Zusammenhänge.

Die Gesamtlast zeigt den gesamten Stromverbrauch im Tagesverlauf. Typischerweise steigt die Nachfrage morgens und am frühen Abend an, während sie nachts wieder sinkt. Die Residuallast verhält sich nahezu spiegelbildlich zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien: Je höher der Anteil von Wind- und Solarenergie – meist zur Mittagszeit – desto geringer ist die Residuallast und damit auch die Abhängigkeit von konventionellen Kraftwerken wie Kohle- oder Gaskraftwerken.

Der Gesamtlast, Residuallast und Anteil eneuerbaren Energien in Deutschland in Juni 2026

Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt gegen Ende der betrachteten Woche. Dort steigt der Anteil erneuerbarer Energien zeitweise auf über 100 % – mit Spitzenwerten von bis zu 148 %. Gleichzeitig sinkt die Gesamtlast. Die Residuallast fällt dadurch auf bis zu -15.886 MW. Es entsteht ein erheblicher Stromüberschuss, der gespeichert, intelligent genutzt oder exportiert werden muss. Andernfalls bleibt nur die Abregelung erneuerbarer Anlagen. Gleichzeitig verlaufen die Übergänge in diese Phasen immer steiler, sodass das Energiesystem deutlich schneller auf Veränderungen reagieren muss.

Von der Duck Curve zur Canyon Curve

Bereits vor über zehn Jahren führte der kalifornische Netzbetreiber California ISO den Begriff „Duck Curve“ ein. Er beschreibt, wie der zunehmende Ausbau der Solarenergie die Residuallast in den Mittagsstunden immer weiter sinken lässt.

In Deutschland entwickelt sich diese Kurve inzwischen noch deutlich weiter. Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien wird der „Bauch" der Duck Curve immer tiefer, während ihre Flanken steiler werden. Aus der ursprünglichen Duck Curve entsteht zunehmend eine sogenannte „Canyon Curve”.

Von Duck Curve zur Canyon Curve

Die folgende Abbildung zeigt diese Entwicklung zwischen 2015 und 2026. Während tagsüber immer weniger konventionelle Kraftwerke benötigt werden, steigt der Flexibilitätsbedarf insbesondere in den Abendstunden massiv an, sobald die Solarstromerzeugung zurückgeht.

Die immer steileren Übergänge in und aus der Canyon Curve verdeutlichen den wachsenden Bedarf an Flexibilität, um Angebot und Nachfrage jederzeit im Gleichgewicht zu halten.

Vergleicht man jeweils den niedrigsten Wert der Residuallast zwischen 2015 und 2026, wird dieser Trend besonders deutlich: Die Täler werden von Jahr zu Jahr tiefer und ihre Flanken steiler. Gleichzeitig tritt negative Residuallast immer häufiger auf.

Was früher einzelne Extremereignisse waren, gehört heute zunehmend zum normalen Betrieb des Stromsystems. Bereits im ersten Halbjahr 2026 gab es nahezu so viele Tage mit negativer Residuallast wie im gesamten Jahr 2025 – und mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2024. Das unterstreicht, wie dringend Flexibilität heute für das Energiesystem benötigt wird.

Die Zahl der Tage in Deutschland mit einer negativen Residuallast verdoppelt sich jedes Jahr

Die Canyon Curve mit Flexibilität überwinden

Wie beim Canyoning gilt auch im Energiesystem: Entscheidend ist die richtige Ausrüstung, um schnell auf Veränderungen reagieren zu können. Sowohl implizite als auch explizite Flexibilitätslösungen tragen dazu bei, erneuerbare Energien optimal in das Stromsystem zu integrieren und Stromverbrauch stärker an Zeiten hoher erneuerbarer Erzeugung auszurichten.

  • Eigenverbrauchsoptimierung: Durch die Optimierung des Eigenverbrauchs können Prosumer:innen ihren selbst erzeugten Solarstrom besser nutzen und ihre Abhängigkeit vom Stromnetz reduzieren. Gleichzeitig wird das Netz entlastet, da weniger Strom eingespeist und später wieder bezogen werden muss.
  • Heimspeicher und bidirektionales Laden: Haushaltsbatterien ermöglichen es, überschüssigen Solarstrom zwischenzuspeichern oder durch Batterie-Arbitrage gezielt zu vermarkten. E-Autos werden durch bidirektionales Laden zusätzlich zu mobilen Speichern und können aktiv Flexibilität für das Stromnetz bereitstellen. Mit neuen regulatorischen Rahmenbedingungen wie MiSpeL wird die Marktintegration von Batteriespeichern und Elektrofahrzeugen in Deutschland zunehmend gefördert.
  • Marktbasierte Lastverschiebung: Dynamische Stromtarife schaffen finanzielle Anreize, Strom genau dann zu verbrauchen, wenn besonders viel erneuerbare Energie verfügbar ist und die Strompreise niedrig sind. Eine automatische Optimierung des Energieverbrauchs hilft dabei, Lastspitzen zu reduzieren und erneuerbare Energien besser zu nutzen.
  • Netzorientierte Lastverschiebung: Werden Energieanlagen netzdienlich gesteuert und regulatorische Anforderungen wie § 14a EnWG oder § 9 EEG eingehalten, lassen sich Netzengpässe reduzieren. Variable Netzentgelte schaffen zusätzliche Anreize, den Stromverbrauch in kritischen Netzsituationen automatisch anzupassen und gleichzeitig die Energiekosten zu senken.
  • Virtuelle Kraftwerke und explizite Flexibilität: Werden tausende dezentrale Energieanlagen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammengefasst, können sie wie ein großes steuerbares Kraftwerk am Strommarkt agieren. Die gebündelte Flexibilität kann auf Großhandels- oder Regelenergiemärkten vermarktet werden. Dadurch entstehen neue Erlösquellen für Energieversorger, während Endkund:innen ihre Energiekosten senken oder sogar zusätzliche Einnahmen erzielen können. Gleichzeitig wird die schwankende Erzeugung aus erneuerbaren Energien besser mit einem flexiblen Stromverbrauch in Einklang gebracht.
Vom intelligenten Nutzer zum "Flexumer"

Wir sollten weder die Duck Curve noch die Canyon Curve fürchten. Vielmehr zeigen sie deutlich, dass der Ausbau erneuerbarer Energien derzeit schneller voranschreitet als die Integration von Flexibilität in unser Energiesystem. Dieses Ungleichgewicht lässt sich langfristig nicht aufrechterhalten.

Energieversorger spielen eine Schlüsselrolle bei dieser Transformation. Sie können neue Geschäftsmodelle erschließen, ihren Kund:innen zusätzlichen Mehrwert bieten und gleichzeitig dazu beitragen, ein stabiles Stromsystem auf Basis erneuerbarer Energien aufzubauen.

Die notwendigen Technologien stehen bereits zur Verfügung. Jetzt gilt es, ihr Flexibilitätspotenzial konsequent zu nutzen.

Report herunterladen!
Flexibilitätsreport 2025
Versorgungsunternehmen können sich nicht auf reinen Rohstoffverkauf verlassen. Die Bündelung von Wertpools und das Einrichten von Flexibilität schaffen für Endverbraucher:innen nicht nur Komfort und Effizienz, sondern ermöglichen auch Einsparungen von bis zu 1,500€ pro Jahr.